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Urban Susann

Period of stay: März – April 2021


Final Report sheet for departing Fellows

Arbeitsprojekt

im Rahmen des Programms World Literature Fellowship for Translators Übersetzung des Romans “The Fortune Men” von Nadifa Mohamed; dt. Titel “Der Geist von Tiger Bay“, ET September 2021 bei C. H. Beck

Projektabriss

Der Roman

“The Fortune Men“, spielt in den 1950ern in Cardiffs kosmopolitischem Hafenviertel Tiger Bay und beruht auf einer wahren Begebenheit. Mahmood Mattan, ein somalischer Einwanderer wird unschuldig eines Verbrechens angeklagt – er soll eine Ladenbesitzerin ermordet haben. Anfänglich macht sich Mattan, ein ehemaliger Schiffsheizer und mittlerweile als Kleinganove und Spieler zugange, keine Sorgen, die Wahrheit wird ans Licht kommen in dieser seiner neuen Heimat, wo Gerechtigkeit herrscht. Zudem ist er schon Schlimmerem entkommen. Halt geben ihm seine große Liebe Laura, eine Waliserin, und die drei gemeinsamen Söhne. Erst im Vorfeld des Prozesses ahnt er, dass Vorurteile und Verschwörung den Sieg über die Wahrheit davontragen könnten – zu Recht. Sechs Monate nach dem Mord hängt man ihn; er ist der letzte Mensch, der im Cardiff Prison hingerichtet wird.

In Rückblenden erhaschen wir einen Blick auf das Leben Mahmoods, ehe ihm vor Gericht Falschaussagen zum Verhängnis werden: seine Zeit im Heimatdorf, dann der Umzug nach Hargeisa, der Aufstieg der Familie zu relativem Wohlstand, seine abenteuerliche Zeit auf den sieben Weltmeeren, die Zeit der jungen Liebe mit Laura.

Die Autorin

Nadifa Mohamed wurde 1981 in Hargeisa, Somalia heute Somaliland geboren, kam mit ihrer Familie als Fünjährige nach London, studierte in Oxford Geschichte und Politik. 2013 wurde sie vom renommierten Granta-Magazin auf die Liste der Best Young British Novelists gewählt.

Die Herausforderungen

Englisch ist nicht Mohameds Muttersprache, was sich auf ihre literarische Sprache auswirkt. Sie findet andere Metaphern, überträgt Redewendungen aus dem Somalischen (allerdings ist ihr Ton diesmal weniger lyrisch als in den Vorgängerromanen „Black Mamba Boy“ und „The Orchard of lost souls“, die ich ebenfalls ins Deutsche übertragen habe). Gelegentlich gibt es somalische und arabische Einsprengsel, die selten bilingual gedoppelt werden, d. h. die LeserInnen müssen sich aus dem Kontext den Sinn selbst entschlüsseln. Übernehme ich diese Herangehensweise des Ausgangstextes, belasse ich ebenso viel Fremde im Zieltext?

Auch in anderen Belangen stellt mich der Text vor Herausforderungen: von der Seemannsprache über maritime Berufe, die korrekte Transkription des englischen Jiddisch ins deutsche.

Da der Text im fernen Land namens Vergangenheit spielt, muss auch sprachlich diese Zeit vermittelt werden, eine Annäherung an die 1950er gefunden werden – und alles ohne zu Hamburgisch oder zu wirtschaftswunderlich zu klingen. Gelegentliche Anklänge an den Ruhrpott, eine andere große Kohleregion, dürfen wohltariert mitschwingen, wollen aber umso gründlicher recherchiert sein. Ich arbeite mit „Glanzlichtern“, lasse einzelne Wörter, die aus unserer heutigen Warte typisch für diese Zeit sind, funkeln, spreche von Halbwüchsigen statt Teenagern, vom Lichtspielhaus statt vom Kino.

Und wie immer gilt sowohl sprachlich wie inhaltlich: Obacht vor Anachronismen!

Auch für das Hafenviertel ist Recherche in den Tiefen des Internets nötig, es hat sich in den vergangenen siebzig Jahren enorm gewandelt.

Die größte Herausforderung aber stellen die Figuren da, Personen unterschiedlichster Herkunft, mit verschiedenen Bildungsgraden, viele gehören der ersten oder zweiten Einwanderergeneration an. Die Waliser stammen mit Ausnahme von Exekutive und Judikative fast ausschließlich aus der Arbeiterklasse. Es galt daher, Sprachmuster zu entwickeln durch die Herkunft, Bildung und Selbstbild hindurchschillern – bei den Walisern kein Problem, aber wie belasse ich den Figuren ihre Würde, wenn sie kein Schriftenglisch sprechen, sondern gebrochenes Englisch? Ich muss hinterfragen, ob die Figuren idiomatische Ausdrücke der Zielsprache überhaupt mit ihrem Herkunfts- und Erfahrungsgrund kennen können.

Meine Lösungen sehen wie folgt aus:

Mahmood Hussein Mattan, die Hauptfigur, bekommt das ausgefeilteste Sprachprofil. Als Somalier hat er einige Jahre Koranschule hinter sich, kann Suren rezitieren und verfügt über Arabischkenntnisse, ist aber weder des Lesens noch des Schreibens mächtig. Während seiner Zeit auf See hat er größere Brocken der typischen Linguae francae Kisuaheli und Hindi aufgeschnappt. Mahmoods Englisch ist sehr solide, schließlich hat er eine walisische Frau mit der er Englisch spricht und Liebe ist bekanntlich der beste Lehrmeister. Seine Sprachfertigkeit ist sehr vom Gegenüber abhängig, wenn er unter Stress steht, kommt ihm die Grammatik abhanden und ihm fehlen die englischen Wörter, in Gegenwart Lauras seiner Frau spricht er fast fehlerfrei. Seine Sprache verändert sich; wenn er sich mit Berlin, einem alten Bekannten aus der Heimat, auf Somalisch spricht oder innere Monologe hält, spricht er grammatikalisch fast korrekt (er stammt aus einer Kaufmannsfamilie). Ich arbeite mit Apokope und Aphärese, Idiosynkrasien (nix statt nich, er hat eine Aversion gegen das Wort es, doppelte Verneinung wie niemand nich, nie nich), Tempus ist primär Präsens; seine Lexik ist eingeschränkt, mit gelegentlichen Aufblitzern eines höheren Sprachniveaus, er verwendet nur wenige idiomatische Ausdrücke, denn diese lernt man bei einer neuen Sprache zuletzt, bis auf einige Lieblingsbegriffe, die andauernd eingesetzt werden oder Sprichwörter, die hängenbleiben.

Berlin, ebenfalls Somalier und ehemaliger Heizer, heute Besitzer einer Milchbar, ein Macher, sein Englisch ist sehr hemdsärmelig, aber fast korrekt, er verfügt über einen größeren Wortschatz als Mahmood, mit dem er eng befreundet ist.

Doc Madison stammt aus Jamaika, ist Pensionswirt (und in dieser Eigenschaft Mahmoods Vermieter) & Besserwisser, verfügt über geringe Schuldbildung, spricht jamaikanisches Patois (eine Kreolsprache, die auf dem Englischen basiert) hier habe ich oft mit Doppelungen gearbeitet, die typisch fürs Jamaikanische sind.

Harold Cover, ein jamaikanischer Zimmermann, spricht kein Patois, bekommt aber die Marotte, häufig „oder so“ einzuflechten.

Monday, ein Mitbewohner Mahmoods, kommt aus Gambia, hat bis zum sechzehnten Lebensjahr eine Missionsschule besucht, daher ist sein Wortschatz größer und seine Grammatik tadellos.

Laura, Mahmoods walisische Frau, deren Vorfahren aus den Valleys stammen (ihr Bruder arbeitet auf der Mülldeponie, sie selbst verdiente ihre Brötchen in einer Papierfabrik, ehe sie Mahmood heiratete), stammt aus einer waschechten Arbeiterfamilie, spricht sehr umgangssprachliches Englisch, was sich durch vehementen Einsatz von Modalpartikeln ausdrückt.

Violet Volacki, die ermordete Ladenbesitzerin und ihre beiden Schwestern – hauptsächlich Diana, die das erzählerische Gegenwicht zu Mahmood bildet, ihre Geschichte wird ausführlicher erzählt, sie bekommt eine innere Stimme – sind Töchter eines aus Russland emigrierten Juden, das Judentum spielt kaum eine Rolle, doch gelegentlich fällt ein jiddisches Wort, eindeutig dem aufstrebenden Bürgertum zugehörig. Zudem handelt es sich um die zweite Einwanderergeneration, die sich ganz ins britische Leben eingefügt hat. Es wird normales Englisch gesprochen, ein Hauch von Umgangssprache weht durch die Sätze, der Wortschatz ist leicht gehoben. Daniel, der Mann der dritten Schwester, gehört der ersten Einwanderergeneration an, spricht gutes Englisch, lässt aber oft die Artikel weg – eine Reverenz ans Russische.

Die Legislative ist primär vertreten durch Chief Detective Inspector Powell, einem ganz Bauernschlauen, der sich ebenfalls nicht der Hochsprache befleißigt, hier arbeite ich viel mit der Lexik.

Die Judikative bedient sich gestelzter Juristensprache.

Talk

  • Monthly Lecture am 27. April 2021 “Die Fremde hinter der Fremde“

Auszeichnungen

  • World Literature Fellowship for Translators, IWM Wien, Frühjahr 2021
  • Arbeitsstipendium 2021 des Deutschen Übersetzerfonds für
    Nadifa Mohamed: Der Geist von Tiger Bay (The Fortune Men)
  • Arbeitsstipendium 2012 des Deutschen Übersetzerfonds für
    Nuruddin Farah: Gekapert (Crossbones)
  • Arbeitsstipendium 2011 des Deutschen Übersetzerfonds
    Indra Sinha: Menschentier (Animal’s People)
  • Shortlist 2011 Internationaler Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt mit
    Edwidge Danticat: Der verlorene Vater (The Dew Breaker)